Ich wünsche mir starke und freie Menschen

WARUM LEHRER*INNEN MIT ISEE ZUSAMMENARBEITEN. INTERVIEW MIT EINER BERLINER ISEE LEHRERIN.

Franzi, wie war Deine erste Begegnung mit ISEE und was hat dich dazu bewogen mit Deiner Klasse an unserem einjährigen Programm teilzunehmen?

Ein Bekannter, mit dem ich bereits zuvor im Bildungskontext zusammengearbeitet habe, hat mich auf ISEE aufmerksam gemacht und gesagt, er glaube, das Programm könne zu unserer Schulvision passen.

Ich hatte mit ihm schon einige Gespräche über das deutsche Schulsystem geführt. Er kannte meinen allgemeinen Frust darüber, dass ich mich als Lehrerin kaum in der in der Lage fühle, innerhalb des Systems meinen Bildungsauftrag erfüllen zu können.

Als ich bei unserem ersten Kennenlerntreffen mit Madlen schließlich erfuhr, was genau mit dem ISEE Programm auf uns und die Klasse zukommen würde, welche Bausteine es in seinem Programm vereint und in welcher Haltung das Ganze umgesetzt wird, war ich für die Sache relativ schnell gewonnen.

Ich habe bei dem Ansatz, den ISEE verfolgt, eben die Chance gesehen, genau die Lücken zu füllen, die ich eingangs angedeutet habe. Was für mich in der Schule grundlegend zu kurz kommt, ist die emotionale Bildung der Schüler*innen. Neben der Vermittlung des ganzen Fachwissens geht es für mich vorrangig darum, die Jugendlichen auf ihren ganz individuellen Weg zu bringen.

Das sind Fragestellungen, wie Wer bin ich? Oder Was macht mich aus? Was könnte ich mit meinem Potenzial und meinen Werten in der Welt bewegen? Welchen Platz könnte ich einnehmen? An welcher Stelle kommt das, was ich wirklich kann zur Geltung? Also wo ist dieser Platz, an dem ich mich wertvoll fühle und an dem ich meine Wertigkeit auch zeigen kann?

Und diese Frage ist für mich auch jetzt – im Klassenverbund – schon relevant: Welchen Platz kann ich in der Klasse einnehmen, um dort zu zeigen, wer ich bin und von meinen Mitschüler*innen und Lehrer*innen darin gesehen zu werden.

Bei ISEE hat mich von Anfang an die Art und Weise, wie ihr die Jugendlichen gesehen habt, angesprochen. Dass ihr sagt, es gibt eben ein individuelles Potenzial, dass jede/r Schüler*in in sich trägt. Und aus meiner Erfahrung als Lehrerin gibt es dafür in der Schule aktuell einfach sehr wenig Platz.

Obwohl man in Fächern wie z. B. WAT (Wirtschaft, Arbeit, Technik) versucht, genau auf diese Themen berufsbezogen einzugehen, finde ich es wichtig, dem Ganzen zusätzlich Raum zu geben. Dieses Thema ganz bewusst in den Vordergrund zu stellen und damit eben auch zu zeigen, wie wertvoll es ist.

Mich haben auch die Formate, mit denen ISEE arbeitet, angesprochen. Die Klasse arbeitet in Workshops mit Trainern, die eine andere Rolle als Lehrer*innen einnehmen. Das Ganze ohne Benotung stattfinden zu lassen, schafft einen anderen Rahmen. Natürlich ist es auch für mich als Klassenlehrerin spannend zu sehen, wie ich diese Themen mit in meine Arbeit und in den Lehrer-Alltag integrieren kann und gleichzeitig auch für mich zu gucken, wo eigentlich mein Frust liegt, den ich im Schulsystem empfinde und mir zu überlegen wie ich damit produktiv und konstruktiv umgehen kann.

Der Kern der emotionalen Bildung und Potenzialentfaltung liegt für mich grundlegend darin, schon frühzeitig Perspektiven zu eröffnen. Außerdem den Schüler*innen zu zeigen, wohin sie diese Form der Bildung und auch die inhaltliche Bildung bringen kann und die Schüler*innen frühzeitig an die eigenen Zielvorstellungen und Wünsche heranzuführen, sodass Lernen auch wirklich intrinsisch motiviert sein kann. Dafür müssen wir die Voraussetzungen schaffen.

Worin siehst Du Dein Potenzial als Lehrerin und das Potenzial von Schule?

Ich denke, wir sind eine Starthilfe – und zwar noch einmal anders, als Eltern das sein können.

Wir sind in anderen Beziehungen und Konflikten mit den Schüler*innen. Wir sind erstmal nicht so nah dran und werden daher meist als Autoritätspersonen wahrgenommen. Dadurch schenken uns die Schüler*innen erstmal eine andere Art der Aufmerksamkeit.

Ganz praktisch stellen wir für sie in den Fächern, die wir unterrichten, eine bestimmte Autorität dar. Sie müssen uns ja quasi vertrauen. Sie müssen uns darin vertrauen, dass das, was wir unterrichten, relevant für sie und ihr Leben ist. Und die Beziehung, die aus diesem Vertrauensverhältnis entsteht, die gilt es erstmal nicht zu enttäuschen und damit gewissenhaft umzugehen.

Genau aus diesem Grund fand ich ISEE auch so spannend. Denn ich kann meinem Bildungsauftrag nur als Deutschlehrerin, meiner Meinung nach, nicht gerecht werden. Ich muss andere Impulse und Angebote bereithalten, um meine Schüler*innen für das zu wappnen, was kommt. Ob sie es dann direkt annehmen oder nicht, das ist wiederum ihre Entscheidung. Aber ich kann Angebote machen, die ich für wichtig erachte.

Mit solchen Angeboten können wir letztendlich auch die Elternhäuser entlasten. Für Fragen der Werte und Selbstfindung sind Eltern vielleicht oft auch zu nah dran. Das sind Dinge, die in der eigenen Intimsphäre liegen und die in der Klasse mit Gleichaltrigen doch ganz anders besprochen werden können. Hier kann ich meine Gedanken in einer intimen Atmosphäre einfach mal frei äußern, ohne mit Konsequenzen oder einer Verurteilung rechnen zu müssen.

Wie hast Du ISEE in Deiner Klasse wahrgenommen? An Dir selbst? An den Schüler*innen Deiner Klasse?

Ich erinnere mich an eine Situation, die stattgefunden hat, als Du das IGNITE YOUR FIRE Coachingprogramm in der Klasse durchgeführt hast, und die letztendlich gut beschreibt, worum es bei ISEE geht. Es war in der zweiten oder dritten Session, als es gerade darum ging, dass Kinder sich gegenseitig sagen, was sie gut können. Also als sie sich gegenseitig Feedback zu ihren Stärken, und was sie aneinander schätzen, gegeben haben. Da habe ich gemerkt, dass eigentlich jeder der Schüler*innen dankbar und glücklich war, einmal ein Feedback und eine Rückmeldung zu bekommen.

Man konnte richtig sehen, wie sich durch diese Komplimente Freude in den Kids gezeigt hat.

Das war besonders. Man war aufrichtig nett zueinander und hat nicht nach dem Mangel gesucht. Denn das machen wir ja leider ständig in der Schule: Wir gucken eher auf das, was noch nicht klappt oder eben noch nicht so gut. Mit jeder Klassenarbeit zeigen wir Mängel auf.

Als das Mentoring stattgefunden hat, konnte man bei einigen der Schüler*innen sehen, dass sie sich auf die Treffen mit ihren Mentor*innen wirklich gefreut. Das war immer wieder schön zu beobachten.

Wenn ich unsere Klasse heute anschaue, muss ich sagen, dass sie im Moment wirklich in der Lage sind, zu sagen, wenn sie sich ungerecht behandelt oder nicht gesehen fühlen. Sie können gut ihre Bedürfnisse wahrnehmen und diese kommunizieren und haben wohl auch wirklich das Vertrauen darin, dass sie in ihrer Klasse und uns als Klassenlehrer*innen gegenüber alles sagen und mitteilen können.

Das ist etwas, das ich sehr schätze, für das wir viel getan haben, und zu dem sicher auch ISEE einen wichtigen Teil beigetragen hat.

Nimmst Du bei dir selbst auch eine Veränderung wahr? Sind dir neue Dinge bewusst geworden? Was hast Du ganz persönlich und als Lehrerin aus dem Jahr ISEE mitgenommen?

ISEE war für mich weniger Bewusstwerdung, sondern mehr das Lösen innerer Widerstände. Dass mir schon vor dem Programm einiges bewusst war, war eine gute Ausgangssituation. Aber antworten zu bekommen, wie man dieses Bewusstsein umsetzt und anwendet war für mich sehr hilfreich.

Dass wir uns zum Beispiel wirklich die Zeit genommen haben, über unsere Visionen zu sprechen, und uns gefragt haben, wie wir eigentlich Situationen oder Beziehungen zu Schüler*Innen verändern und positiv beeinflussen können. Dass wir darüber gesprochen haben, wie wir die eigenen Vorstellungen und Wünsche umsetzen können und welche Freiräume das staatliche System uns doch auch bietet, das hat wirklich einen Unterschied für mich gemacht.

Für mich hat sich in diesem Jahr ISEE-, und vor allem über die Fortbildungstage, enorm viel Druck entladen und ich hab‘ mich nicht mehr so statisch und festgefahren gefühlt. Dieses Gefühl in mir, irgendwie nichts ausrichten zu können, hat sich verändert.

Ich muss auch sagen, dass die Modelle, die wir besprochen haben, etwas in mir bewegt haben (z.B. wie ich ein Mindset verändere – also mein eigenes vor allem und wie lange es eigentlich braucht, um wirklich persönliche und systemische Veränderung herbeizuführen). Allein die Kenntnis über solche relevanten Zusammenhänge hat mir viel Ungeduld genommen und dem Prozess an sich Raum gegeben.

Und dann war es natürlich auch schön, einander einfach mal zuzuhören. Auch einmal seiner Negativität, seinem Frust und seinen Zweifeln Raum geben zu können, und zu wissen, dass man diesen Frust fühlen darf. Und dass es einfach Dinge gibt in diesem System, die sich sehr unfrei anfühlen war enorm erleichternd und hat auch da diesen ständigen inneren Kampf aufgebrochen.

Was ist denn nach wie vor schwer? Oder unmöglich?

Die individuelle Betreuung zu gewährleisten ist unglaublich schwer. Jede/r Schüler*in und jede Schülerin hat so ureigene Bedürfnisse, dass man eigentlich eine 1-1-Beziehung pflegen müsste, aber für diese Art der Zuwendung reichen einfach keine 5-Minuten-Pausen. Immer im Kollektiv zu sprechen, ist für manche Kinder ausreichend. Für einige. Für andere ist das aber genau der Rahmen, in dem sie sich verstecken und zurückziehen können.

Und naja, ganz praktisch, wir hatten ja das Glück, das unser Schulleiter uns die Freiheit gewährt hat, ISEE während der Unterrichtszeit stattfinden zu lassen. Aber de facto gibt es für ein solches Projekt überhaupt keinen Raum. Es keine Unterrichtsstunde, in der man sich wirklich mal Zeit nehmen kann, die Beziehungen zu Schüler*innen zu pflegen.

Abschließend würde ich gerne noch wissen, was Du Dir für die Schule, die Lehrer*innen und die Schüler*innen von morgen wünschst? Welche Entwicklungen würdest Du begrüßen?

Also Für mich: Dass ich mich wirksam fühle. Wirksam dadurch, dass ich meine Ideen in die Schule reintragen und meine eigene Form des Lehrens etablieren kann. Was für mich zum Beispiel auch bedeutet, dass ich diese Art der 1-1-Beziehungen pflegen kann.

Für dieses Engagement wünsche ich mir entsprechende Anerkennung, eine gesellschaftliche Anerkennung in Form von Freiheit und Vertrauen für mich als Lehrer*in und das Lehren an sich.

Für das Bildungswesen an sich wünsche ich mir, dass es mehr auf das Wohl der Kinder und das Gemeinwesen ausgerichtet ist. Damit meine ich Wertevermittlung. Und natürlich die Ausbildung von Selbstsicherheit. Eine Bildung, die liebevolle und offene, aber auch kritische Menschen fördert.

Letztendlich wünsche ich mir, dass mit Schule ein Ort verbunden wird, der inspirierend ist, der offen ist, und in dem Kinder wirklich gerne Zeit verbringen. Es wäre schön, wenn Schule ein Ort werden würde, in dem jede und jeder befähigt wird, ihren und seinen ganz individuellen Weg zu finden und sich losgelöster von diesen äußeren Forderungen und Leistungsdruck entfalten könnte. Ich wünsche mir starke und freie Menschen, die wissen was sie antreibt.


Franzi, ISEE Lehrerin Berlin

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