Ohne Angst kein Hass

Wir stehen ganz am Anfang. Um genau zu sein vorne im Klassenzimmer der 8. Klasse in der allerersten ISEE Session zum Thema Werte.

Die Kids haben vor sich auf den Tischen über 50 verschiedene Wertekarten (also kleine Karteikärtchen, auf denen jeweils ein anderer Wert steht, zum Beispiel Freiheit, Sicherheit, Abenteuer, Familie, etc.) liegen, die sie nach Priorität reihen und immer aufs Neue reduzieren sollen. Um genau zu sein, so lange, bis sie ihre Top 5 Werte vor sich liegen haben!

Und nach ein paar Runden Auswählen und weglegen und alles in die richtige Reihenfolge packen, liegen sie auf einmal da – schwarz auf gelb (unsere ISEE Farbe natürlich!): Die fünf Werte, die für jede/n Schüler*in momentan am wichtigsten sind.

Während ich durch die Reihen wandere und mir anschaue, welche Werte die Schüler*innen ausgewählt haben, fragt auf einmal ein Schüler: „Wieso sind die Werte eigentlich alle positiv? Wieso ist da gar nichts Negatives dabei?“

Ich, etwas verdutzt über die Frage, weil ich sie noch nie gehört und mir auch noch nie gestellt habe, antworte: „Ah ok, was Negatives. Was denn zum Beispiel? Woran denkst Du?“

Schüler: „Ja, hmmm, also zum Beispiel… Hass.“

Und jetzt muss ich auch erstmal nachdenken. Ist Hass auch ein Wert? Warum sind da nur positive Begriffe? Also so Sachen, wie Liebe, Freiheit, Vertrauen oder Lebenskraft zum Beispiel?

Intuitiv ist es für mich ganz einleuchtend, warum da kein Hass bei den Kärtchen dabei ist. Aber es in Worte zu fassen oder jemandem zu erklären, das ist noch einmal eine andere Sache.

Nachdem ich erstmal in die Klasse frage, ob es Ideen gibt aber niemand wirklich etwas weiß, gehe ich kurz in mich und auf einmal sprudelt ungefähr diese Antwort aus mir heraus:

„Hass gibt es nur weil es Angst gibt. Ohne Angst kein Hass. Das macht Sinn, oder? Wenn ich keinerlei Befürchtung über irgendetwas habe, kann ich auch auf niemanden oder irgendetwas Hass entwickeln. Deswegen ist Hass an sich auch kein Wert. Hass ist eine Reaktion. Eine Reaktion aus Angst heraus. Es ist nichts, was natürlicherweise in uns ist.

Für wen ist das nachvollziehbar? Ich mache mal ein Beispiel: Ich behaupte, dass wenn ich zum Beispiel den Wert Sicherheit habe, und dann vor etwas ganz viel Angst entwickle und ich mich in irgendeiner Weise bedroht fühle, dann kann ich z.B. Hass entwickeln. Z.B. auf meinen Chef, dass er so viel Macht über mich hat und ich mich nicht sicher in meinem Job fühle. Oder auf die Regierung, auf den Fortschritt, auf Ausländer, uvm.

Ich kann eigentlich auf alles Hass entwickeln, wenn ich nur genügend Angst davor habe.

Wenn ich ganz stark den Wert Sicherheit habe, ist es für mich also unglaublich wichtig, mich sicher zu fühlen. Angst, wenn wir nicht aufpassen und uns dessen nicht bewusst sind, kann da wie Gift für unsere Wahrnehmung sein. Wir bekommen nämlich auf einmal Angst, dass unsere Sicherheit durch andere bedroht wird. Das ist oft unsere unbewusste Annahme.

Aber der Wert ist nicht Hass. Hass ist eine Reaktion auf Angst und ein Gefühl von Ohnmacht. Und dann wollen wir es jemandem in die Schuhe zu schieben. Wir glauben, dass wenn wir einen Schuldigen haben, dass wir dann mehr in der Kontrolle sind. Also sicherer.

Der verletzte Wert könnte also möglicherweise Sicherheit sein. Aber erst durch die Angst empfinden wir Hass.

Du siehst also, ohne Angst kein Hass. Und deswegen gibt es keinen Wert Hass. Denn unsere Werte sind unabhängig von Angst. Sie sind keine Reaktion, sondern frei.“

Werte kommen aus der Liebe. Sie sind Teil unseres Potenzials. Es liegt bereits in uns, bevor wir Angst überhaupt kennenlernen.

Madlen, ISEE Trainerin Berlin

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