UNTERRICHT OHNE AGENDA?


Ich war auf dem Weg zur dritten IGNITE YOUR FIRE Session mit meinen Schüler*innen und ich war ein wenig aufgeregt. Ich hatte mir für heute vorgenommen, wirklich gar gar gar nichts, von meinen Schüler*innen zu wollen.

Wieso?

Die letzte Session habe ich mit komischen Gefühlen in der Magengrube verlassen. Die ganze Einheit hatte sich wie ein subtiles Zerren und Schieben meinerseits angefühlt. So als verausgabe ich mich vor der Klasse? Aber wofür? Und wozu?

Ich bin dann intensiv in mich gegangen, habe mich mit meiner Kollegin ausgetauscht, und bin irgendwann auf die Erkenntnis gestoßen, dass ich – anstatt wirklich interessiert daran zu sein, was die Schüler*innen in den Übungen erfahren –, unbewusst versuche, ein ganz bestimmtes Ergebnis zu erzielen.

Zum Beispiel, dass sie die Übungen mögen. Dass sie begeistert sind, von Ihren Stärken, dass sie mich mögen (sehr wichtig!), dass das Projekt funktioniert, etc. etc. etc.

Man kann viele geheime Agenden verfolgen, von denen man zu Beginn selbst noch nichts ahnt, die einen aber nichtsdestotrotz in der eigenen Arbeit grundlegend beeinflussen.

So war es in dieser Klasse auch bei mir und ich begann, mir selbst auf die Schliche zu kommen: Ja, vielleicht gab es die einen oder anderen Widerstände und Dynamiken in der Klasse, die ich wahrnehmen konnte, und nein, die Lösung wahr scheinbar nicht Manipulation der allgemeinen Stimmung durch Drücken und Schieben.

Ich kenne das von mir: Wenn es in einer Gruppe nicht flowt, denke ich oft instinktiv, etwas falsch zu machen und diese Annahme gleiche ich dann durch „Überaktion“ aus. Das heißt, ich werde z.B. extra freundlich, mache extra viele Beispiele, bin extra gut drauf, extra witzig, extra einfühlsam. Alles mit dem einen Ziel, die Stimmung wieder in die Balance zu bringen.

Das sind meine Mechanismen. Es gibt allerdings viele weitere Ausprägungen davon, wie wir versuchen, die Kontrolle in einer Situation zurückzugewinnen.

Und letztendlich funktionieren diese Mechanismen nicht. Sie schaffen ein Ungleichgewicht. Ein Drücken, Schieben und Zerren. Sie verhindern Verbindung und ein wirkliches Lösen der Spannungen und zurückgewinnen der Harmonie in der Gruppe.

Als ich mir in meiner Reflexion der vergangenen Stunde immer mehr auf die Schliche kam, fasste ich für die zukünftige Session in der Schule einen Entschluss: Heute will ich gar nichts von den Schüler*innen. Heute will ich einfach interessiert sein. Und offen. Heute will ich genau dem Raum geben, was da ist.

Als ich den Weg über den Schulhof zum Haupteingang nahm, war mir dann doch etwas mulmig zumute: Würde das wohl klappen? Und heute anders sein?

Na dann. Wir werden es ja gleich sehen. Türe auf. Zum Haupteingang rein. Treppen hoch und ab ins Klassenzimmer.

Das heutige Thema war VISION. Wovon wir Träumen. Was wir uns insgeheim wünschen und was der Verwirklichung unserer Träume eventuell alles im Weg steht.

Ich wollte die Stunde mit einem kurzen Hörspiel beginnen und hatte dafür extra meine Lautsprecher mitgebracht. Ich startete die Aufnahme und nach wenigen Sekunden ging der Lautsprecher einfach aus. Hatte ich wirklich vergessen, ihn richtig aufzuladen? Das war mir ja noch nie passiert!

Okay, Plan B: Ich spiele das Hörspiel einfach ganz laut auf meinem Handy ab und die Schüler*innen müssen wirklich, wirklich leise sein. Ok, puh, das funktioniert sogar. Aber dann nach weiteren 20 Sekunden stoppt das Hörspiel und egal was ich probiere und wie oft ich auf PLAY drücke, nichts passiert.

Ich so: Hmmm. Ok. Was machen?

Eine Schülerin meldet sich: Können Sie uns die Geschichte denn nicht einfach erzählen? Sie kennen sie doch bestimmt gut.

Ich so: Ja, warum eigentlich nicht. Die Geschichte ist eine meiner Lieblings-Geschichten und ich habe sie jetzt bestimmt schon selbst mindestens 50 mal in den verschiedensten Trainings gehört.

Ich fange also an die Geschichte des angeketteten Elefanten zu erzählen und habe den Eindruck, dass meiner Erzählung viel eindringlicher gelauscht wird, als eben noch dem Hörspiel.

In dieser Geschichte geht es um einen Elefanten, der, als er noch klein ist, lernt, dass er zu schwach ist, sich von seinem Holzpflock zu befreien und seine Kraft letztendlich nie wieder auf die Probe stellt. Selbst dann nicht, als er ein ausgewachsener starker Elefant ist.

Die Stimmung im Klassenzimmer entwickelt während meiner Erzählung fast etwas Andächtiges. So so, an dem Tag also, an dem ich mir bewusst keine Agenda gesetzt hatte und beschloss, Alles willkommen zu heißen, versagt die Technik und schenkt mir stattdessen Andacht. So etwas soll möglich sein.

Als ich fertig bin, ist es ganz still.

Mir fällt in diesem Moment eine Geschichte aus meinem eigenen Leben ein. Eine Geschichte, in der ich eine Angst und ein „ich glaub ich kann das nicht“ und ein „ich traue mich das sicher nicht“ in ein „ich muss es probieren“ verwandelt habe.

Und weil die Stille etwas Aufforderndes in sich trägt, beginne ich von mir zu erzählen. Als ich fertig bin, frage ich die Schüler*innen, welche Gedanken, Gefühle und Situationen sie so kennen, die sie davon abhalten, etwas zu tun oder sich etwas zu trauen.

Wir sammeln. Angst zu scheitern. Die Angst ausgelacht zu werden. Nicht gut genug zu sein. Keinen Plan zu haben im Leben. Sachen, die die Erwachsenen so sagen und denken.

Dann entsteht eine Diskussion, warum man sich oft eigentlich nicht traut einfach ehrlich zu sein. Und warum es manchmal so schwierig scheint ganz man selbst zu sein.

Auf einmal meldet sich eine Schülerin: Madlen, warum ist das eigentlich so, dass man sich oft nicht traut zu bestimmten Gefühlen zu stehen?

Ich schaue sie an. Hmmm, was meinst Du denn für Gefühle?

Sie: Naja, zum Beispiel bin ich manchmal voll eifersüchtig bei meinem Freund. Aber ich sag das dann nicht und er weiß gar nichts davon und ich versuch dann immer so zu tun, als ob ich total cool bin.

Ich frag sie: Würdest Du es ihm denn gerne sagen, dass Du manchmal eifersüchtig bist?

Sie: Ja, irgendwie schon. Weil er ist zum Beispiel manchmal total eifersüchtig und er zeigt das dann einfach und es ist gar kein Ding. Und irgendwie würde ich das halt gerne auch können. Weil er denkt jetzt vielleicht wirklich, dass es ist mir überhaupt nichts ausmacht. Aber das stimmt ja nicht und vielleicht ist es ja sogar cool, wenn er das weiß. Weil das heißt ja auch, dass er mir nicht egal ist.

Wir haben circa an dieser Stelle den allgemeinen Dialog beendet und begonnen uns mit unseren Träumen und Visionen auseinanderzusetzen und uns überlegt, was wir eigentlich mit unseren Leben machen würden, wenn uns nichts aufhalten könnte. Andere Menschen nicht. Unsere Zweifel nicht. Misserfolge nicht.

Die besagte Schülerin hat letztendlich für sich den Entschluss gefasst, über ihren Schatten zu springen und ihrem Freund zu sagen, wie eifersüchtig sie in manchen Situationen wird.

Für mich persönlich war diese Stunde absolut augenöffnend. Denn die Dynamik mit der Klasse hat sich wirklich komplett gedreht.

Die Kunst liegt in der Gleichzeitigkeit aus Ausrichtung und Loslassen. Darin, die eigene Absicht zu kennen und dann den Raum zu haben, dass Wie wir dort genau hinkommen loszulassen.

In dieser Gleichzeitigkeit entsteht eine Dynamik, die kreativ ist, in der sich alle auf authentische Weise einbringen können, und die ganz neue Möglichkeiten der Begegnung und Erkenntnis schafft.

Meine Agenda loszulassen, hat mir den Weg frei gemacht, genau dort hinzugelangen, wo ich mit den Schüler*innen ursprünglich hinwollte. Meine Agenda loszulassen hat in gewisser Weise meine Agenda erfüllt. Meine Agenda überflüssig gemacht.

Ich habe mal irgendwo den Satz gelesen: Freiraum ist die Hefe der Evolution. Freiraum schafft Wachstum. Freiheit bedingt Kreativität.

Diese Freiheit, die gleichermaßen eine innere Haltung auf den Plan ruft und einen Ausdruck in unseren Stundenplänen und dem Bildungssystem als Ganzem finden muss, schafft auf natürliche Art und Weise, dass zu ermöglichen, das sowieso unsere Agenda ist: Die individuelle Entfaltung der Jugendlichen.

Madlen, ISEE Trainerin Berlin

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