WIE GEHT CHANGEMAKING? ODER: MIR WURDEN 600 EURO GEKLAUT.

Es waren die letzten Wochen des aktuellen Schuljahres. Die Motivation der Schüler*innen nimmt in dieser Phase immer spürbar ab, und ich war mehrmals in der Schule, um mit meiner Klasse die Changemaker-Workshops durchzuführen.

Worauf ich hinauswill: Die ganze Sache war trotz cooler Themen eine recht zähe Angelegenheit!

Ein paar Tage vor dem zweiten Changemaker-Modul erreicht mich dann der Anruf einer Mentorin: Ihrem Mentee wurden in der Schule 600€ geklaut. 600 €, die er an diesem Tag seinen Eltern (die sich zu diesem Zeitpunkt im Iran in der Schubhaft befanden) per Western Union zusenden wollte.

Mein erster Gedanke war: „Oh sh*t! Was machen wir jetzt nur?!“

Nachdem die ganze Angelegenheit am Tag des Diebstahls in der Schule recht drunter und drüber ging, und dem Schüler erst nicht wirklich geglaubt wurde, dass er so viel Geld bei sich gehabt hatte, brachte der Schüler am kommenden Tag eine Bestätigung seines Wohnheims mit, dass er das Geld tatsächlich mit in die Schule genommen hatte.

Jetzt war der Schock bei allen Beteiligten groß. Wir vereinbarten ein Gespräch mit der Schul- und Klassenleitung, der Mentorin und mir und überlegten dort gemeinsam, wie wir mit dieser Situation jetzt am besten umgehen sollten und was wir konkret tun könnten.

Folgenden Plan haben wir uns gemeinsam zurechtgelegt: Zuerst würden wir zurück in die Klasse gehen und den anderen Schüler*innen dort erzählen, was vorgefallen war, und dass ihrem Mitschüler im Klassenzimmer 600 € gestohlen wurden.

Es war leider relativ klar, dass jemand aus der Klasse das Geld an sich genommen haben musste.

Ich habe den Schüler*innen dann die Möglichkeit aufgezeigt, das Geld anonym bis zum Ende des Tages in den Schulbriefkasten zu werfen. Wenn das passiert, würde nichts weiter geschehen und das Thema würde fallen gelassen werden. Sollte das Geld allerdings nicht abgegeben werden, müsse die Schulleitung die Polizei rufen und den Diebstahl anzeigen.

Letzteres ist dann letztendlich eingetreten ist, da das Geld bis zum kommenden Tag nicht abgegeben wurde.

Als ich wiederum ein paar Tage später zum nächsten Changemaker-Modul in meine Klasse kam, war das Chaos und der Aufruhr groß. Das Vorkommnis hatte alle Schüler*innen mächtig mitgenommen und es war nicht daran zu denken, einfach mit dem Workshop loszulegen.

Okay, ich weiß ja auch, dass diese Momente des Chaos auch immer großes Potenzial bergen. Und hier ist was los. Die Situation bewegte die Klasse enorm.

Was also tun? Ich hab`s: Wir reden erstmal in kleiner Runde, ohne Lehrer*innen und ich höre den Kids einmal wirklich zu.

Also: Kleinegruppen gemacht und losgelegt: „Wie geht es Euch, was ist los?“

Dann ging es ganz schnell: Der erste Schüler sagte, wie scheiße er sich wegen der ganzen Sache fühlte, und ob es nicht irgendeine Möglichkeit gäbe, ihrem Mitschüler zu helfen, das Geld wiederzubeschaffen.

Nachdem diese Stimmung offensichtlich vom Großteil der Klasse geteilt wurde, haben sich die Schüler*innen dazu entschlossen, unterschiedliche Ideen aufzuschreiben, wie sie ihrem Mitschüler gemeinsam helfen und 600€ generieren könnten.

Für den ursprünglich geplanten Changemaker-Workshop ging es heute genau darum: Eine Idee und ein Ziel zu definieren und dann gemeinsam Lösungen zu erarbeiten, wie man gemeinsam etwas Positives zu dessen Verwirklichung erreichen könne.

Und siehe da. Wir waren mitten drin.

Ich war nicht unbedingt überrascht aber doch bewegt davon, wie viele kreative Ideen auf einmal in der Klasse geteilt wurden:

Die erste Idee war, in der Schule rumzugehen und die anderen Schüler*innen zu fragen, ob sie bereit wären einen Teil ihrer Spind-Kaution für ihren Mitschüler zu spenden. Wenn von 250 Schüler*innen einige einen Teil der 20 € Kaution spenden würden, wäre es doch möglich auf 600 € zu kommen.

Die nächste Idee war, für ihren Mitschüler ein Online-Crowdfunding zu starten.

Und die dritte, für eine Woche das Schulbuffet zu übernehmen. Gemeinsam als Klasse zu kochen, das Essen zu verkaufen und den Gewinn ihrem Mitschüler zu schenken.

Es war wirklich erstaunlich: Innerhalb von wenigen Minuten hat sich die negative Stimmung der Klasse in eine kreativ-konstruktive geändert und alle zogen an einem Strang. Einfach nur dadurch, dass wir ihnen und ihren Gefühlen Raum gegeben haben. Ich war beeindruckt.

Nach der Ideenfindung haben wir die Klassenlehrerin und Direktorin dazu geholt und unsere Ergebnisse vorgestellt.

Da wir uns am Ende des Schuljahres befanden und alle Noten schon feststanden, war es möglich, dass die Klasse bereits in der darauffolgenden Woche das Schulbuffet übernehmen und dadurch innerhalb von 5 Tagen tatsächlich die anvisierten 600 € einnehmen konnte.

Die Schüler*innen fertigten zuerst eine Umfrage an, mit der sie ihre Mitschüler fragten, was diese denn überhaupt gerne essen würden. Und anschließend kochte die Klasse eine Woche lang jeden Morgen gemeinsam und verkaufte das Essen in den zwei Pausen während der Schulzeit.

Beim kurze Zeit später stattfindenden ISEE Abschlussfest im Sommer hat sich die Klassenlehrerin diesbezüglich noch einmal zutiefst und aufrichtig bei ISEE und ihren Schüler*innen bedankt. Mit den Worten, dass sie es sich nicht hätte träumen lassen, wie sich die Klasse aus so einer negativen Situation habe retten können. Und dass sie sich bis heute fragt, wie das eigentlich funktioniert hat.

Meine persönliche Erkenntnis aus diesem Erlebnis war die Tatsache, dass man selbst (oder vielleicht gerade) wenn alles wirklich negativ ist, als Klasse und Klassengemeinschaft durchaus der Phönix sein kann. Und dass die große Herausforderung oft darin liegt, wie genau man Leute zusammenbringt und konstruktiv werden lässt.

Lennart, ISEE Trainer Wien

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